Wieso man Terrorismus verstehen muss

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Was sind die Ursachen für Terrorismus? Wieso verüben manche Menschen Anschläge auf Gebäude und andere Menschen? Welt-Redakteur Torsten Krauel ist sich sicher: Mit dem „Westen“ hat das nichts zu tun. Er beklagt stattdessen die „unfassbare Ignoranz der Terrorversteher“.

„Terrorversteher“. Ein Wort, mit dem Krauel all diejenigen meint, die zumindest einige der Ursachen des islamistischen Terrorismus im Handeln westlicher Staaten sehen. Gleichzeitig schwingt in der Wortwahl der Vorwurf der Rechtfertigung mit. Krauel drückt es wie folgt aus:

„Und jetzt wollen uns welche einreden, der Terrorismus von Gruppierungen wie al-Qaida oder dem Islamischen Staat sei die womöglich einzige folgerichtige Antwort auf westliche Politik?“

Torsten Krauel, Welt-Autor

Nein, nicht die einzige folgerichtige. Aber daraus lässt sich im Umkehrschluss nicht einfach schließen, dass beides nichts miteinander zu tun hat.

Der Vorwurf ist Mist

Unabhängig davon, ob man Krauels Kritik zustimmt oder nicht: Der Vorwurf, jemand sei ein „Terrorversteher“, ist Mist. Er ist Mist, weil er andere für den Versuch des Verstehens kritisiert. Dieser Versuch ist aus meiner Sicht aber immer richtig. Er bedeutet in keiner Weise, dass man das, was man versteht oder verstehen will, auch in irgendeiner Form rechtfertigt.

Verstehen ist schlichtweg notwendig, um Probleme zu lösen. Ich kann jeden morgen einen zu großen Schritt auf der Treppe machen und deswegen hinfallen. Erst wenn ich verstehe, dass ich kleinere Schritte machen muss, lässt sich das Problem lösen.

Wer den Terrorismus nicht versteht, der wird keine zielführenden Ansätze zu seiner Bekämpfung liefern können. Andreas Bock bringt es mit seiner Kritik des Begriffs „Putinversteher“ auf den Punkt:

„Aus einer Kernkompetenz der politischen Analyse wird ein Schimpfwort, das Kumpanenschaft vermutet und die Rechtfertigung des Völkerrechtsbruchs unterstellt. Beides ist falsch, beides ist infam.“

Andreas Bock, Politikwissenschaftler

Ein logischer Fehlschluss

Krauel schreibt weiter, dass viele Staaten und Gruppen auf gewalttätige Handlungen und schwerwiegende Fehler des „Westens“ eben nicht mit Terrorismus reagiert hätten. Das ist richtig, schließt aber schlichtweg nicht aus, dass das im Fall des islamistischen Terrorismus anders ist.

US Marines an Saddam Husseins Palast in Bagdad. Foto: Defense Visual Information Center (Public Domain)

Wenn man einem Menschen ins Gesicht spuckt und er dann einfach weggeht, dann heißt das nicht, dass alle Menschen so reagieren würden. Das zu denken, wäre ziemlich naiv. Außerdem blendet Torsten Krauel Handlungen „westlicher“ Staaten aus, die in Bezug auf den sogenannten „Islamischen Staat“ durchaus ein Rolle spielen. Was ist beispielsweise mit den Kriegen in Afghanistan und Irak? Dem vermutlich vorschnellen Rückzug aus dem Irak, der zur Instabilität des Landes beigetragen hat? Was ist mit den Lieferungen von Waffen in die Region? Waffen, die Terrorgruppen immer wieder in die Hände fallen. Was ist mit der Unterstützung dieser Gruppen in der Vergangenheit – etwa im Kampf gegen die Sowjetunion? Was mit der westlichen Kooperation mit Saudi Arabien – einem Staat, in dem wichtige Unterstützer des islamistischen Terrorismus agieren? Und was ist mit dem Umstand, dass geschätzt die Hälfte der IS-Kämpfer aus dem Ausland kommt? Etwa 2000 aus westlichen Staaten.

Keine einfache Antwort möglich

Krauel hat zum Teil Recht, wenn er schreibt: „Es gibt Nationalisten und Kosmopoliten, es gibt Diktatoren und Demokraten, es gibt Terroristen und Friedfertige. Es gibt immer zwei Möglichkeiten.“ Es gibt zwar meist mehr als zwei Möglichkeiten, aber ich denke auch, dass es ein Fehler ist, die Ursachen für den islamistischen Terrorismus nur im „Westen“ zu suchen. Denn am Ende ist der Griff zur Waffe auch immer die Entscheidung eines Individuums. Eine Entscheidung, die mitunter von regionalen Problemlagen abhängt – beispielsweise der Diskriminierung und Ausgrenzung bestimmter Gruppen. Ich denke aber auch, dass man die Fehler „westlicher“ Staaten und Organisationen, die zuhauf gemacht wurden, nicht einfach ausblenden darf. Am Ende spielen alle drei Aspekte eine wichtige Rolle: Es gibt regionale, „westliche“ und individuelle Ursachen. So jedenfalls verstehe ich den Terrorismus. Und diesen Versuch des Verstehens halte ich für sehr wichtig.

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