Die „Nachhaltigkeit“ ist in aller Munde. Viele Politiker*innen, Wissenschaftler*innen und Unternehmen werfen mit dem Begriff um sich. Aber was bedeutet das überhaupt, Nachhaltigkeit? Was ist die viel beschworene „nachhaltige Entwicklung“? Genau um diese Fragen soll es in meiner Artikel-Reihe gehen.

Im ersten Teil blicken wir in die Geschichte. Denn Nachhaltigkeit ist gar kein so neues Phänomen.

Ist Nachhaltigkeit eine deutsche Erfindung?

Viele Forscher*innen sehen den Ursprung des Nachhaltigkeitsbegriffs in der Forstwirtschaft⁠. Sie hat sich im 18. Jahrhundert in Deutschland zu einer wissenschaftlichen Disziplin entwickelt. Damals entwarfen Wissenschaftler das Konzept einer nachhaltigen Nutzung der Wälder: Der Wald soll nur soweit in Anspruch genommen werden, dass die zukünftige Waldnutzung nicht gefährdet wird⁠.

Hans Carl von Carlowitz. Foto: Wikipedia (Gemeinfrei)

Die erste Verwendung des Nachhaltigkeitsbegriffs in der Forstwirtschaft geht auf Hans Carl von Carlowitz zurück. Er fordert in seinem Buch „Sylvicultura oeconomica“ schon im Jahr 1713 eine „continuierliche, beständige und nachhaltende Nutzung“ des Waldes. Ihm geht es vor allem darum, das Wesen des Waldes zu schützen. Aber was genau soll das bedeuten?

Der Philosoph Jens Soentgen denkt, dass es von Carlowitz zum einen darum geht, dass man genauso viele Bäume pflanzen muss, wie man fällt. Zum anderen kann es aber auch darum gehen, mehr Bäume pflanzen und nachwachsen zu lassen, als man nutzt. In diesem Fall wächst das Wesen des Waldes – also das, was den Wald ausmacht – weiter an.

„usus fructus“: Nießbrauch im alten Rom

Ist Hans Carl von Carlowitz also der Erfinder der Nachhaltigkeit? Nicht unbedingt. Denn Jens Soentgen zeigt, dass nachhaltiges Handeln schon viel älter als 200 Jahre ist. Sein Beispiel dafür ist der sogenannte Nießbrauch.

Nießbrauch ist ein Konzept, das etwa 3000 vor Christus entstand. Im römischen Reich war es unter dem lateinischen Namen „usus fructus“ bekannt: Die Bürger Roms durften bestimmte Dinge nutzen, obwohl sie ihnen nicht gehörten. Die Substanz des Dinges musste dabei aber erhalten bleiben.

Die Substanz zu erhalten bedeutete im Falle eines Waldes: Man durfte nicht einfach den ganzen Wald kahl schlagen – denn sonst hätte es in den kommenden Jahren kein Holz mehr gegeben. Stattdessen ging es darum, maximal die Menge Holz zu nutzen, die einen gleichbleibenden Ertrag ermöglicht. Typische Nießbrauchfälle waren damals – und sind bis heute – Immobilien, Felder und Wälder.

Wir sehen also: Von Carlowitz hat das Nachhaltigkeitsprinzip nicht erfunden. Er hat aber den Begriff „Nachhaltigkeit“ in der Forstwirtschaft eingeführt.

Ein Wald
Wo versteckt es sich, das Wesen des Waldes? Foto: b_l_8_5/pixabay (CC0)

Was ist das Wesen eines Waldes?

Wir sind jetzt soweit, dass wir sagen können: Bei nachhaltigem Handeln geht es darum, die Substanz/ das Wesen/ das Wesentliche einer Sache zu erhalten. Das klingt schön und gut, stellt uns aber vor ein großes Problem: Wie definiert man diese Substanz?

Mit genau dieser Frage hat sich der Philosoph Heinrich Rickert vor fast 100 Jahren beschäftigt. Und seine Antwort ist ziemlich ernüchternd: Er geht davon aus, dass die Definition des Wesentlichen einer Sache im Auge des/der Betrachter*in liegt.

Rickerts Beispiel hierfür ist das Wasser: Es lässt sich als H2O definieren, als eine chemische Verbindung aus Sauerstoff und Wasserstoff. Oder als Stoff, der unter Standardbedingungen flüssig ist, aber zwei weitere Aggregatzustände (Wasserdampf und Eis) haben kann⁠. Wasser ist aber auch ein Getränk. Und in Gegenden, in denen es wenig Wasser gibt, ist es eine mögliche Ursache für Konflikte.

Auf die Frage nach der wesentlichen Eigenschaft von Wasser gibt es also mehrere Antworten, die alle richtig sind.

Jens Soentgen überträgt diese Überlegungen auf den Wald. Er zeigt, dass es unterschiedliche Vorstellungen von der Substanz des Waldes gibt. Ein Forstwirt betrachtet den Wald zum Beispiel als Holzlieferanten. Solange dem Wald eine bestimmte Holzmenge in einer bestimmten Qualität entnommen werden kann, während die gleiche Holzmenge stetig nachwächst, ist die Waldnutzung aus seiner Sicht nachhaltig. Eine Waldökologin sieht das aber vermutlich ganz anders. Für sie kann die forstliche Nutzung des Waldes sein Wesen beschädigen: Möglicherweise geht die Artenvielfalt zurück und aus dem ursprünglichen Mischwald wird eine Monokultur aus hohen und schnell wachsenden Bäumen.

Einige von euch stimmen sicherlich dem Forstwirt zu, andere der Waldökologin. Dieser Fall macht deutlich: Was nachhaltig ist und was nicht, ist nicht einfach gegeben. Es muss entschieden werden. Im nächsten Beitrag geht es um die wohl bekannteste dieser Entscheidungen: das Nachhaltigkeitsverständnis der Vereinten Nationen.

Literatur und Linktipps:

Der Beitrag basiert auf einem Abschnitt meiner Masterarbeit über die politische und mediale Darstellung der „nachhaltigen Entwicklung“ in Deutschland.

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