Dieser Text ist Teil meiner Reihe über Nachhaltigkeit. Im vorherigen Artikel ging es um den historischen Hintergrund des Begriffs. Und um die Frage, ob Nachhaltigkeit eine deutsche Erfindung ist.

Armut und Hunger, der Klimawandel und weitere Umweltkatastrophen – die Probleme, vor denen die Weltgemeinschaft seit Jahrzehnten steht, sind gigantisch. Die Vereinten Nationen haben deshalb 1983 die „Weltkommission für Umwelt und Entwicklung“ einberufen, die vier Jahre später den sogenannten Brundtland-Bericht veröffentlichte. Gemeinsam mit der 1992 in Rio de Janeiro verabschiedeten Agenda 21 gilt er vielen als Ausgangsdokument der heutigen Nachhaltigkeitsdebatte⁠.

Kern beider UN-Dokumente ist eine neue Problemsicht: Weltweite Umweltprobleme und Ungerechtigkeit werden als zusammenhängende Phänomene betrachtet. Die Antwort der UN darauf ist das Konzept der „nachhaltigen Entwicklung“. Dazu heißt es im Brundtland-Bericht:

„Sustainable development is development that meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs. It contains within it two key concepts: the concept of ’needs‘, in particular the essential needs of the world’s poor, to which overriding priority should be given; and the idea of limitations imposed by the state of technology and social organization on the environment’s ability to meet present and future needs”.

Brundtland-Bericht

Die nachhaltige Entwicklung soll also die Bedürfnisse gegenwärtiger Generationen stillen, ohne zukünftige Generationen eben darin einzuschränken. Auffällig ist, dass der Umwelt an dieser Stelle kein Eigenwert zugeschrieben wird. Im Vordergrund steht stattdessen die Fähigkeit der Natur, die menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen.

Laut der Wissenschaftlerin Antonietta Di Giulio geht es den UN bei der nachhaltigen Entwicklung darum, allen Menschen ein „gutes Leben“ zu ermöglichen. Um dieses Ziel zu erreichen, setzen sie eine partnerschaftliche Zusammenarbeit aller Menschen und Staaten voraus. Nachhaltigkeit meint im UN-Verständnis wiederum den Zustand, der mit der nachhaltigen Entwicklung angestrebt wird. Es handelt sich also um eine in der Zukunft liegende „bessere Welt“.

Viele Ziele – vielleicht zu viele?

Ein drittes wichtiges Dokument der UN-Nachhaltigkeitsagenda ist die Resolution 70/1, besser bekannt als Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung. Hier nennen die Vereinten Nationen 17 Sustainable Development Goals (SDGs), darunter das weltweite Ende von Armut und Hunger, die Verfügbarkeit einer bezahlbaren nachhaltigen Energieversorgung für alle, inklusives und nachhaltiges Wirtschaftswachstum, die Bekämpfung des Klimawandels und seiner Folgen sowie den Schutz, die Wiederherstellung und die nachhaltige Nutzung von Ökosystemen.

Ein Windrad auf einer grünen Wiese
Den Vereinten Nationen geht es auch um eine nachhaltige Energieversorgung. Foto: lukasbieri/pixabay (CC0)

Der Blick auf die 17 SDGs zeigt: Nachhaltigkeit ist für die UN ein weites Feld. Sie beinhaltet soziale, wirtschaftliche und umweltpolitische Ziele. Diese Bereiche nennt man auch die drei Säulen der nachhaltigen Entwicklung.

Allerdings hat der Forderungskatalog der UN viele Kritiker*innen. Sie werfen den Vereinten Nationen vor, dass sie eine Reihe von schön klingenden, aber teils unerreichbaren und nicht miteinander vereinbaren Zielen zusammenwerfen. Viele der Ziele scheinen vorauszusetzen, dass materialistische Lebensweisen im großen Stil hinterfragt werden. Außerdem lassen sich die SDGs – wenn überhaupt – nur erreichen, wenn die Staatengemeinschaft tatsächlich an einem Strang ziehen würde.

Die meisten Staaten verfolgen aber nach wie vor zuallererst ihre eigenen Interessen. Viele Konzerne ignorieren die Folgen ihres Gewinnstrebens in krisen- und kriegsgebeutelten Regionen⁠. Die große Zahl der SDGs sorgt außerdem schlichtweg für Verwirrung: „No priority is the priority“, schreibt etwa Sayan Samanta und meint damit, dass vollkommen unklar ist, in welcher Reihenfolge unterschiedliche Länder die Ziele verfolgen sollen.

Dazu kommt noch ein weiteres Problem: Wer ist überhaupt für die nachhaltige Entwicklung verantwortlich? Genau darum geht es im nächsten Artikel.

Literatur und Linktipps:

Der Beitrag basiert auf einem Abschnitt meiner Masterarbeit über die politische und mediale Darstellung der „nachhaltigen Entwicklung“ in Deutschland.

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