Dieser Text ist Teil meiner Reihe über Nachhaltigkeit. Im ersten Artikel ging es um den historischen Hintergrund des Begriffs. Im zweiten ging es darum, was die Vereinten Nationen unter Nachhaltigkeit verstehen.

Wir alle sind für die nachhaltige Entwicklung verantwortlich. Das glauben jedenfalls viele Menschen aus der Politik, aus den Medien und auch aus unserer Gesellschaft und der Wirtschaft. Das heißt: Jede*r von uns muss die Folgen des eigenen Handelns im Blick haben. Wir tragen eine geteilte Verantwortung.

Wenn wir diese Annahme so stehen lassen, dann zeigt sich gleich ein praktisches Problem: Tatsächlich handeln viele Bürger*innen, Unternehmen oder Politiker*innen regelmäßig unverantwortlich. Dass alle verantwortlich sind, führt irgendwie dazu, dass niemand sich verantwortlich fühlt. Schließlich gibt es immer einen Grund, warum man nichts oder nicht mehr tun kann. Und andere sind ohnehin viel schlimmer.

Sollen wir unsere Freiheit einschränken?

Aber sind wir überhaupt verantwortlich? Hat nicht jede*r von uns die Freiheit, selbst zu entscheiden, wie er oder sie leben möchte? Wäre es nicht totalitär, Menschen zu „nachhaltigem“ oder umweltfreundlichem Handeln zu zwingen? Der Philosoph Hans Jonas hat die letzte Frage bereits früh bejaht. Jonas hat deshalb das „Prinzip Verantwortung“ entwickelt. Demnach müssen wir unsere Freiheit heute einschränken, um überhaupt zu ermöglichen, dass es sie in Zukunft noch gibt.

Beispiel Klimawandel: Natürlich können theoretisch alle machen, was sie wollen. Wenn es dann aber eine globale Umweltkatastrophe gibt, dann dürfte die die Menschheit hart treffen. In dem Fall würde dann die Natur die Freiheit vieler Menschen drastisch einschränken. Wäre es also nicht sinnvoll, jetzt schon Maßnahmen dagegen zu ergreifen? Mitunter auch solche, die die Freiheit bestimmter Gruppen – zum Beispiel der Autofahrer*innen – einschränken?

Jonas lehnt das nicht grundsätzlich ab, er zieht aber eine andere Option vor:

„Freiwillige Opfer an Freiheit jetzt können die Hauptsache davon für später retten. Es ist in der Tat eine der vornehmsten, selbstbezogenen Pflichten des Prinzips Verantwortung, durch jetziges Tun in Freiheit künftigem Zwang zur Unfreiheit vorzubeugen, und so sich selbst den weitesten Spielraum auch bei den Nachkommen offenzuhalten.“

Hans Jonas, Philosoph

Die Idee der kleinen Schritte

Im Idealfall übernehmen also alle freiwillig Verantwortung. Jede*r Einzelne von uns. Und manche tun das ja auch irgendwie: Privatpersonen sparen Wasser und Energie oder kaufen „ökologische“, „nachhaltige“ oder „biologische“ Produkte. Andere verzichten sogar auf Flüge in den Urlaub. Wieder andere fliegen zwar, spenden aber im Vorfeld für Aufforstungsprogramme – was der Physiker und Philosoph Armin Grunwald als eine „moderne Form des Ablasshandels“ bezeichnet.

Die Annahme, die viele von uns teilen, ist die: Wenn jede*r ein paar kleine Schritte geht, dann gehen wir gemeinsam einen großen Schritt. Ob das tatsächlich funktioniert, ist aber stark umstritten.

Erstens, weil diese These davon ausgeht, dass es nur Schritte nach vorne oder Stillstand gibt. Das stimmt aber nicht, wendet der Volkswirt Michael Bilharz ein: Man kann auch rückwärts laufen. Wenn ich heute das Auto stehen lasse und zu Fuß zum Bäcker gehe, morgen aber für das Wochenende mit dem Flugzeug nach Paris fliege, dann mache ich erst einen kleinen Schritt nach vorne und dann einen großen Sprung zurück.

Zweitens, weil die wenigsten von uns wirklich wissen, welche Schritte überhaupt sinnvoll sind. Man benötigt extrem viel Wissen, um wirklich nachhaltig zu handeln.

Armin Grunwald nennt das Beispiel Elektrogeräte: Um zu wissen, welches Gerät besser für die Umwelt ist, muss man die wichtigsten Stationen im Lebenszyklus des Produktes kennen und bewerten können. Dann muss man eine sogenannte Lebenszyklusbilanz erstellen – ein methodisch schwieriger und umstrittener Vorgang.

Die meisten von uns können das nicht selbst. Also brauchen wir jemanden, der uns berät. Und da lauert schon das nächste Problem:

„Niemand kann alle Umwelttipps, die von Umweltverbänden, Verbraucherzentralen und Zeitungen gegeben werden, in die Tat umsetzen.“

Michael Bilharz, Volkswirt

Es gibt Umwelttipps wie Sand am Meer. Kaufe dies, lasse das, tu möglichst das. Wie aber sollen Laien durch einen methodischen Dschungel finden, für den selbst Fachleute keine zuverlässige Karte haben?

Natürlich heißt all das nicht, dass wir zum Nichtstun verdammt sind. Es ist umweltfreundlicher, seinen Müll zu trennen, als alles in eine Tonne (oder auf die Straße) zu werfen. Es ist umweltfreundlicher, zu Fuß zum Bäcker um die Ecke zu gehen, als das Auto zu nehmen. Es ist umweltfreundlicher, im Urlaub mit dem Zug ins Nachbarland zu fahren, als um die halbe Welt zu fliegen.

Es ist umweltfreundlicher. Aber man darf bezweifeln, dass es uns im Kampf gegen den Klimawandel in großen Schritten weiterbringt. Armin Grunwald hat hierfür eine passende Metapher: Individuen können sich noch so sehr abstrampeln und versuchen, nachhaltig zu handeln. Das bringt nichts, wenn der Tanker, auf dem wir fahren, in die falsche Richtung steuert.

Wenn wir wirklich eine nachhaltige Entwicklung wollen, dann müssen wir die Fahrtrichtung unseres Tankers ändern.


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