„David gegen Goliath“, der kleine Hirtenjunge gegen den erfahrenen Krieger. Wo immer ein Underdog gegen eine vermeintlich unbezwingbare Übermacht kämpft, ist diese Redewendung nicht weit.

Aber was, wenn die meisten von uns diese biblische Geschichte völlig falsch verstehen?

Eine gefährliche Fernwaffe

Das ist die These des kanadischen Journalisten Malcolm Gladwell. Er denkt, dass David kein Underdog ist. Wir sehen ihn nur fälschlicherweise so, weil er ein Hirte und kein erfahrener Krieger ist. Ohne Rüstung und Schwert. Nur mit fünf Steinen und einer Schleuder bewaffnet.

Eine Schleuder ist eine sehr gefährliche Waffe. Foto: Ragzouken/Wikimedia (Public Domain)

Aber dieses „nur“ hält Gladwell für eine gewaltigen Irrtum. Schleudern waren über Jahrtausende gefährliche Fernwaffen. David selbst erklärt außerdem, warum man ihn nicht unterschätzen sollte:

„Dein Knecht hütete die Schafe seines Vaters; und kam dann ein Löwe oder ein Bär und trug ein Schaf weg von der Herde, so lief ich ihm nach, schlug auf ihn ein und errettete es aus seinem Maul. Wenn er aber auf mich losging, ergriff ich ihn bei seinem Bart und schlug ihn tot.“

David in 1. Sam 17, 34-35

Der Hirtenjunge sagt von sich, dass er einen Löwen totgeschlagen hat. Das klingt nicht nach einem unerfahrenen Underdog, sondern nach einem geübten Kämpfer.

The unheard story of David and Goliath | Malcolm Gladwell

Hat Goliath einen Tumor im Gehirn?

Von Goliath wissen wir wiederum, dass er extrem groß („ein Riese“), schwer gepanzert und mit Speer und Schwert bewaffnet ist. Und wir wissen, dass er sich abfällig über David äußert:

„Bin ich denn ein Hund, dass du mit Stecken zu mir kommst? (…) Komm her zu mir, ich will dein Fleisch den Vögeln unter dem Himmel geben und den Tieren auf dem Felde.“

Goliath in 1. Sam 17, 43-44

Malcolm Gladwell findet beide Aussagen bemerkenswert: Erstens spricht der Krieger von mehreren „Stecken“, David hat aber nur einen Stab. Es könnte also sein, dass Goliath schlecht sieht. Zweitens ruft er David zu, er solle zu ihm herkommen. Goliath geht also davon aus, dass ein Nahkampf stattfinden wird. Und damit liegt er völlig daneben.

Gladwell vermutet sogar, dass Goliath Akromegalie hat. In diesem Fall hätte er einen Tumor im Gehirn, der nicht nur die Ursache für seine Größe, sondern auch für seine schlechte Sicht sein könnte – der Tumor kann nämlich den Sehnerv schädigen. „Eine charmante Spekulation in Anbetracht der etwas dubiosen Informationslage“, schreiben Susanne Schaffert und Klaus von Werder.

Ein Schuss in den Kopf

Aber selbst wenn wir diese gewagte Ferndiagnose außen vor lassen, spricht doch alles für David: Auf der einen Seite ein kleiner, flinker Kämpfer mit einer tödlichen Fernwaffe. Auf der anderen Seite sein Gegner, der mit einem Speer und einem Schwert zu einer Schießerei kommt und bis zur letzten Sekunde nicht versteht, dass der kleine Hirte ihn erschießen will.

Die beiden gehen dann aufeinander zu – aber David lässt es natürlich nicht auf einen Nahkampf ankommen, sondern schießt Goliath einfach rechtzeitig einen Stein in den Kopf:

„Und David tat seine Hand in die Hirtentasche und nahm einen Stein daraus und schleuderte ihn und traf den Philister an die Stirn, dass der Stein in seine Stirn fuhr und er zur Erde fiel auf sein Angesicht.“

1. Sam 17, 49

„David und Goliath“ ist also tatsächlich die Geschichte eines Underdogs. Der Underdog ist Goliath. Er hat keine Chance.

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